Montag, 8. September 2014

Ist es wirklich so wie alle denken und sagen?

Nein. Da ich aber genau das erwartete, habe ich in der Vorbereitungszeit des Öfteren neugierige Fragen und vermeintlich korrekte Informationen lässig mit „das wird sich zeigen, wenn ich da bin“ abgetan. Dass man besser seinen eigenen Augen trauen sollte, als denen von anderen ist ja vielerorts bekannt, doch genau diese Einstellung habe ich mit zu Eigen gemacht. Von überall her hörte man „das ist so und dies läuft soundso“, oder „es ist Fakt, dass [hier irgendein aus der Nase gezogenen Fakt einfügen]. Ich habe mir diese vermutlich gut gemeinten Konversationsbeiträge zwar angehört, mir jedoch lieber selbst via Internet und Fachliteratur Informationen eingeholt, um mir ein möglichst weitreichendes Bild von dem zu machen, was mich erwarten wird. Nun nach nunmehr 12 Tagen im Osten Afrikas habe ich viele eigene Erfahrungen gesammelt und in Rücksprache mit erfahrenen Tansanis kann ich sagen: Vieles ist ganz anders als man sich so erzählt.
    Als ich letzten Donnerstag am Kilimanjaro International Airport zum ersten Mal in meinem Leben Fuß auf tansanischen Boden setzte und mich im gleichen Moment zum ersten Mal in meinem Leben eine warme, spätabendliche tansanische Sommerbrise ohrfeigte, sodass man zwar mit offenem Mund staunend kurz innehielt, aber keine Luft bekam, dachte ich mir: Das wird wohl ziemlich cool werden! - Und genau das kann ich nach knapp zwei Wochen nur nickend absegnen.
    Die ersten zwei Nächte verbrachten wir im nahegelegenen Moshi. In diesen ersten beiden Tagen unseres Freiwilligenjahres erlebten wir sechs Deutschen die tansanische „polepole“-Einstellung, also eine ganz andere Definition von Zeit und Pünktlichkeit. Zeit ist nicht so wichtig und Pünktlichkeit bedeutet halt irgendwann dazusein. Wir kauften uns erstmal neue SIM-Karten, die meisten von uns zwei, eingeschlossen mir, da es hier in Tansania zwei große Telefonanbieter gibt und es sich als praktisch herausgestellt hat. Viele Menschen die hier leben, haben nämlich nur eine SIM-Karte und man hat uns aus verlässlicher Quelle mitgeteilt, dass sie nur dann mit einem Schreiben, wenn man den selben Anbieter hat. Zu diesem Zweck habe ich mir gleich ein neues Handy mit zwei SIM-Slots gekauft. Viele Menschen laufen hier zwar mit zwei Handys rum, aber da ich das persönlich nicht so praktisch finde, habe ich das nun nur eines.
    Am Samstag um 06:00 Uhr in der Früh (hier in Tansania entspricht das der deutschen Mitternacht, da um diese Zeit die Tageszeitzählung beginnt) haben wir uns dann zum Bus geschleppt, der uns nach 7 sehr unbequemen Stunden in Singida absetzte. Hier ist ein Bus erst voll, wenn er voll ist; sprich, wenn jeder Quadratzentimeter Gangfläche mit auf Eimern sitzenden Fahrgästen zugemauert ist. Für ein sehr groß geratenes Individuum wie mich wird die stark limitierte Anzahl an Zentimetern Beinfreiheit zu einer Qual und Geduldsprobe. Naja, auf jeden Fall kam man irgendwie irgendwo an und wurde mit irgendwas zu meinem Gastpapa und unserem Mentor Richard Assey (Rich) verfrachtet. Das „Irgendwas“ stellte sich in den kommenden Tagen als „Bajaji“ heraus. Dieses italienische Piaggiodreiradrollergefährt entpuppte sich mit der Zeit als das meistgenutzte Personenbeförderungsmittel hier in Singida. Für umgerechnet 25ct komme ich damit von meinem Gasthaus in die Stadt, für umgerechnet 50ct zu Anne‘s Gasthaus.





Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich wirklich glücklich und zufrieden bin mit meiner Gastfamilie - eine bessere hätte ich mir weder erträumen noch wünschen können! Da wären zu nennen Benard, mein Gastbruder (in meinem Alter, selbe Interessen); Karoli, ein angehender Doktor in ähnlichem Alter, der uns leider bald verlässt, um Studieren zu gehen; und natürlich Rich, ein klasse Typ. Außerdem gibt es hier jede Menge anderer lieber Menschen, mit denen wir in einer Art Wohngemeinschaft leben. Ich habe mich nach den knapp zwei Wochen an sehr vieles landestypische erstaunlich schnell gewöhnt und sehe es bereits als selbstverständlich an. Einmal habe ich jemandem geschrieben, dass ich die „Einfachheit“ hier sehr schätze, doch dies würde ich nicht mehr so formulieren, da es nicht „einfacher“ ist als in Deutschland, sondern anders. Ich mag die Andersartigkeit. Ich schätze die kurzen Distanzen in die Stadt, zu Anne und zu den Felsformationen direkt vor der Haustür, die man aber auch überall anders in Singida findet. Ich bin fast täglich irgendwo zwischen, an oder auf den Felsen anzutreffen, ich habe sogar schon meinen persönlichen Lieblingsplatz. Ich habe kein Problem, mich mit zwei Eimern zu duschen und damit, dass die Toilette ein ebenerdig von Porzellan ummauertes Loch ist. Ich finde es ziemlich lässig, sein Wasser per Muskelkraft und Eimer aus dem im Hof gelegenen Brunnen zu hieven. Ich genieße meine Privatsphäre in meinem eigenen Zimmer, bin aber sehr sehr oft in unserem Wohnzimmer, wo zu jeder Tageszeit irgendwas los ist - quasi der Dreh- und Angelpunkt in meiner Gastfamilie.
    Ach ja, noch ein paar Worte zum Projekt selbst: ich war bereits vier Tage in der Schule, an der ich nach der einwöchigen Pause (die 7. Klässler haben bald ihre Abschlussprüfungen) selbst unterrichten werde. In dieser Zeit habe ich die Lehrkörper kennengelernt, die Schüler und die Verkäufer, welche täglich in das Lehrerzimmer hereinspaziert kommen, um Zuckerrohr, Zwiebeln und andere Dinge loszuwerden. Ich bin ein großer Fan vom Zuckerrohr (muwa) geworden, dessen Zubereitung mich an Holzhacken erinnert!

Ich werde mich zu einem anderen Zeitpunkt wieder melden, wenn es neue interessante Dinge zu erzählen gibt, beispielsweise wenn ich selbst begonnen habe, zu lehren. Draußen ist es bereits seit ein paar Minuten dunkel und ich muss gleich nach einem Bajaji nach Hause Ausschau halten (ich bin bei Anne).

Und natürlich zum Futter fassen - mir hungert‘s schon wieder :0)









  




Hauptdarsteller: János Aicher
Regie:                János Aicher
Veröffentlich:      08.09.2014
Spielort:             Lake Singidani (Ausflugsziel von Anne und mir vor ein paar Tagen)

Weitere Bilder, die euch die Schönheit von uns zwei und die von Singida und Umgebung näher bringen sollen:



Anne und ich in Nahaufnahme am Lake Singidani





Wunderschöne Landschaft auf dem Weg von Moshi nach Singida




































Meine Beine auf meinem Lieblingsfelsen in 15m Höhe


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