Mittwoch, 1. Oktober 2014

Lass die Katze aus dem Sack

Da ist er wieder: der einzigartige und unverwechselbare (Klonen ist ja glücklichweise noch nicht in großem Stil möglich) János, der am Futternapf sitzt und euch was abgibt. Frisch gefüllt ist dieser sinnbildliche Futtertrog mit einheimischen Delikatessen wie der Schule, Brian der Katze, dem Festival Serengeti Fiesta und jeder Menge Trockenfutter.
          Wäre ich nun Brian die Katze, würde ich vermutlich damit beginnen einen ordentlichen Happen Schule zu verdrücken. Da ich aber keineswegs Brian die Katze bin (politisch korrekt müsste es wohl Brian der Kater heißen, aber das ist weder von Belang noch trägt es in irgendeiner Form dem Fortgang des Reportes bei) und vermute, dass Brian die Katze ziemlich egoistisch ist, fange ich bei Brian der Katze an. Brian die Katze ist ein Kater, ein freilaufender Kater ohne Herr/in (politisch korrekt) und ohne Dach über seinem doch sehr behaarten Haupt. So lebt er nun täglich in den Tag hinein, streunend, scheinbar ohne Ziel. ABER: es passiert nicht selten, dass die Reise dieses behaarten Vierbeiners Brian in unserem Wohnkomplex endet; genauer: entweder in Benards Zimmer, welches simultan als Küche herhält oder in dem Meinen. So wurde mir eines Morgens von Benard eröffnet, dass Brian die Katze in meinen vier Wänden nächtigte ohne dass der unwissende János davon etwas wusste (politisch korrekt: sechs Wände, Boden und Decke gehören ja auch dazu. Anmerkung: er nächtigte irgendwo ZWISCHEN den Wänden). Jenes Ereignis, ob in meinem oder Benards Zimmer wiederholte sich in der Vergangenheit derart oft, dass Benard Brian die Katze Brian die Katze taufte und ihn eines nachts sogar auf seiner Matratze ruhen ließ.
          Wie in einem schlechten Aufsatz ist in diesen ersten Minuten der kreativen Schreibarbeit das Wort "Katze" schon viel zu oft gefallen, was mich dazu veranlasst meinen sinnbildlichen Futtertrog einen sinnbildlichen Futtertrog sein zu lassen und stattdessen selbst das Ruder in die Hand zu nehmen. Oder Hände. Also Schule. Ich nahm und nehme immer noch nicht heraus, mich als "Lehrer" zu bezeichnen aber nach intensiver Denkarbeit ließen sich keine passenden Synonyme finden. Ich präferiere "Coach", denn ein Coach bringt ja schließlich auch etwas bei, ohne sich als Lehrer zu bezeichnen. Davon mal abgesehen coache ich seit einigen Tagen die beiden sechsten Klassen der Ipembe Primary School (VI A und VI B, falls ihr der korrekten Benutzung des Alphabets nicht mächtig seid) und vor zwei Tagen hatten wir unser erstes Spiel! - Also einen Test. Und es hieß ich gegen die Schüler. Ob sie es mir so richtig gegeben haben blieb bis gestern offen, da der Spielverlauf und die erzielten Punkte erst noch ausgewertet werden mussten und versuchte Fouls vorab verhindert werden mussten. Nun sind die druckfrischen Ergebnisse da und ich bin keineswegs enttäuscht, da ich die ganze Chose ziemlich realitisch angegangen bin. Ich verbringe ja täglich Zeit im Training mit meinen zwei Teams und konnte so Stärken und Schwächen herauskristallisieren. So kam es dass die VI A im Schnitt 11,25 von 26 möglichen Punkten erzielte, wohingegen die VI B durchschnittlich 13,7 Punkte abstaubte. Im Schnitt liegt also jeder Schüler irgendwo in der Gegend der Zensur 4, was zwar nicht so berauschend ist, aber mal eine Hausnummer ist, mit der ich arbeiten kann.
Ziel am Ende des Jahres ist eine Verbesserung der Individualleistungen. Ach ja, Thema des Tests war das Simple Past (eigentlich eine Wiederholung).
          Ich habe das Gefühl in dieser Schule gut aufgehoben zu sein, da sowohl die vorhandenen Lehrkräfte als auch die die Klassenzimmer befüllenden Schüler mich mögen oder mir zumindest das Gefühl geben, von ihnen gemocht zu werden. Ich würde gerne ein paar Worte über die Lehrer verlieren: sie hießen mich an meinem ersten Tag herzlich Willkommen und tun dies immernoch täglich. Ich verstehe mich mit einigen von ihnen echt gut und kann auch immer Verständnisfragen an sie richten. Im Gegenzug fragen sie mich Dinge, die sie nicht wissen, beispielsweise deutsche Begrüßungen oder deutsche Preise (man ist hier allgemeinhin entsetzt, wenn man eröffnet bekommt, was der Marktpreis von diesem oder jenen Produkt in Deutschland ist. Die Schüler scheinen mich zu mögen, da sie mich auf dem Schulhof, dem Nachhauseweg, unserem Hof und sonstwo grüßen, mich nach unserer Stunde lachend verabschieden und heute (es war Photoshootingtag zum Zwecke des Namenlernens) unbedingt nicht nur ein Foto von ihnen wollten, welches ich aufzunehmen hatte, sondern auch ungefägt 10 Stück MIT mir haben wollten. Dieses Unterfangen artete in einen Kleinkrieg aus, da jeder die Kamera haben wollte. Nach intensiven Beschwichtigungen und dem erfolgreichen Versuch, jene auf meine Seite zu holen, die etwas zu melden haben in der Klasse, gelang es mir erneut Oberhand zu gewinnen und das Gewusel in Bahnen zu lenken.

Es folgt eine Kopie des Unterfangens:



 

























Bis auf die ungeteilte Aufmerksamkeit der Kinder habe ich noch einige Kullistriche abbekommen, die ich in nächster Zeit per traditioneller Handwäsche entfernen werde.

Ganz lustig finde ich es immer wieder, mich in die Zeit zurückzuversetzen in der ich noch in Deutschland auf meinem gemütlichen Chefsesseln in meinem geliebten Zimmer saß und mir das Unterrichten beim besten Willen nicht vorstellen konnte. Der Akt des Unterrichtens war übrigens das einzige, vor dem ich wirklich Schiss hatte, wenn ich über mein damals noch bevorstehendes Freiwilligenjahr sinnierte. Heute kann ich sagen: halb so schlimm. Nachdem ich die ersten 4 Tagen meiner tansanischen Schullaufbahn einzig und allein damit verbracht habe, im Lehrerzimmer Stunden abzusitzen und die folgenden zwei Tage passiv in dem Englischunterricht der VI A und VI B saß und der Lehrerin beim Unterrichten auf die Finger schaute kann ich nun auf gut 1,5 Wochen Erfahrung im Alleinunterrichten zurückblicken. Nachdem ich erstmal auf den Geschmack gekommen bin, den Kindern (ob sie es (anfangs) wollten oder nicht) etwas beizubringen, irgendwas, freue ich mich eigentlich jeden Morgen, genau dies wieder zu tun und bin irgende der einzige der das Lehrerzimmer schwitzend oder verschwitzt betritt, weil er das Klassenzimmer in diesem Zustand verlässt. Irgendwie scheine ich mit viel Elan zu versuchen, etwas an den Mann zu bringen...

So, vorerst genug mit Geschwafel von der Schule und dem Schulalltag. Na gut, eins noch: jeden Vormittag wird gemeinsam massenhaft Chai (dieses Wort heißt überall auf der Welt "Tee") vernichtet und nebenbei vitumbua (fettiges Teiggebäck) verzehrt. Ich persönlich bin aber dem capati (Pfannkuchen) verfallen, und so laufe ich täglich zu den benachbarten capati-Produzentinnen, um ihnen 1-3 capati für 300-900tsh abzukaufen - je nach Tagesform.

Hier eine 180°-Panoramaaufnahme in Breitbildformat vom Schulhof der Ipembe, meiner Schule:

Das schwarze Loch mit Treppen davor am rechten Bildrand ist das Lehrerzimmer

Nun, da es im bereits wieder im Begriff ist Dunkel zu werden, möchte ich diesen Eintrag mit einer fröhlichen Botschaft beenden: das Serengeti Fiesta Festival kommt nach Singida! Die Freude ist groß, das Event schon diesen Freitag (eintätig, bzw. einnächtig) und der Kartenverkauf startet morgen. Tixx sind für 5.000tsh zu erwerben, also 2,50€ - und es ist HipHop.
Das ist auch so eine Sache hier: hier wird HipHop gehört. Überall. Laut. Tansanisch und Englisch und Kenianisch und Südafrikanisch und wasweißichdennnichtalles. Ich liebe es!

In diesem Sinne: ihr seid herzlich dazu eingeladen, diesen Blog komplett zu lesen, falls ihr den Rest geskipt habt und nur den letzten Satz gelesen habt, um euer Gewissen zu beruhigen, weil ihr meinen Blog ja "gelesen" habt. Ihr seid auch dazu eingeladen, meinen Blog zu teilen und/oder sonstiges mit ihm zu machen.

Liebe Grüße aus dem Osten Afrikas,

János

Kommentare:

  1. Man kann übrigens direkt hier seinen Senf dazu abgeben :0)

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  2. da hab ich auch immer chapati gekauft. haben auch guten chai maziwa :) uhuru cafe oder so? schön von dir zu hören!

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  3. Also entweder du wirst Lehrer oder Schriftsteller, Janos :) Du rockst, aber sowas von!

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