Donnerstag, 23. Oktober 2014

Shampoo oder Festival?



 Gedanken eines Exoten


Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Ich heisse Sie herzlich Willkommen zu einer weiteren Ausgabe von “Auf der Suche nach Erfahrung – ein Weisser in Schwarzafrika”.
Mit diesem einleitenden Worten wuerde ich gerne diesen Blogeintrag einleiten und euch gerne eine kurze Uebersicht ueber das zu Lesende geben:
1) Sind Weisse Rudeltiere?
2)  Wenn man als Siebtklaessler die Grundschule verlaesst
3)  Shampoo oder Festival? – einheimische Interpreten veranlassen zu Tanz und kulinarischem Genuss
4)  Eine Hochzeit die keine war ODER: Eine Hochzeit geht durch den Magen

Zu 1.) Dieser absichtlich provokant verfassten Fragestellung wuerde ich im Folgenden gerne nachgehen. Ob “Weisse” Rudeltiere sind muss wohl jeder fuer sich selbst herausfinden und/oder entscheiden, eine wissenschaftliche Arbeit darueber in Erwaegung zu ziehen waere naemlich ziemlich hirnrissig. Dieses Thema hat es in meiner Uebersicht auf den ersten Platz geschafft, weil es neben der Tatsache, dass es mir als erstes in den Sinn gekommen ist, dazu noch von einschneidender Bedeutung fuer die ersten 7 Wochen meines Freiwilligendienstes ist.
        Es war einmal ein uebersichtliches Haeufchen freiwilliger Freiwilliger, die ihren Freiwilligendienst in Tansania leisten wollten. So kam es, dass sie nicht nur die ersten beiden Naechte ihres Afrikaabenteuers gemeinsam in teilweise heruntergekommenen Gasthaeusern in Moshi verbrachten, sondern auch die dritte Nacht auf tansanischem Boden in den gemieteten Zimmern unseres Mentors Rich – meines Gastvaters. Waere das nun aber bereits alles, was es zu diesem Thema loszuwerden gaebe, so haette ich dieses Fass erst gar nicht aufgemacht. Nein, in diesen ersten Wochen kam es bereits mehrmals vor, dass man sich zusammenfand und irgendetwas gemeinsam zelebrierte. So war es fuer alle eine kleine Ueberraschung, dass wir bereits nach einem Monat des freiwilligen Dienstes erfolgreich alle zusammenkamen. Versammelt wurde sich bei mir, in Karakana (Stadtteil von Singida), was auch weiterhin der Treffpunkt der weissen deutschen Tansaniafreiwilligen sein sollte. So kam es, dass Anika aus Iguguno, Michael aus Mwanga, Nathan aus Bukoba, Gunter aus Moshi und Anne aus Minga (Stadtteil von Singida) gemeinsam mit mir und meiner superlockeren Gastfamilie unser Einmonatiges feiern konnten. Es mag klingen, als sei das kein Problem, doch muss man sich einmal vor Augen fuehren, dass wir doch alle unterschiedliche Arbeitszeiten und zum Teil auch verschiedene Arbeiten haben, unterschiedlich kooperative Arbeitgeber und Gastvaeter (die hier der Hirarchie geschuldet das Sagen haben) und SEHR unterschiedlich lange Anfahrtswege haben. So belegte Anne mit 5 Minuten Anfahrtszeit direkt mal den letzten Platz (oder den Vorletzten, setzt man mich auf den Letzten mit 0 Minuten), wohingegen Nathan den wohlverdienten ersten Platz mit atemberaubenden 12 Stunden belegte. 

1.  Nathan (12h)
2.  Gunter (7h)
3.  Michael (3,5h)
4.  Anika (50min)
5.   Anne (5min)
6.   Janos (0min)

Nicht angetreten: Louisa aus Mwanga mit theoretischen 3,5h. Diese war aufgrund einer ungeplanten aber temporaeren Heimreise nach Deutschland wegen familiaeren Veraenderungen nicht in der Lage, uns Gesellschaft zu leisten und die 7/7 voll zu machen.  
          Wir tauften es das “deutsche Wochenende” da neben der deutschen Sprache auch das Essen deutsch war. Zu diesem Zwecke machte man sich auf zum lokalen vollgestopften Markt und erwarb so einiges, aus welchem sich ein herrlich abwechslungsreiches und typisch deutsches Gericht zaubern liess. So wurde nach stundenlanger Vorbereitung fuer ein Publikum von ueber zehn hungrigen Maeulern Bratkartoffeln mit gebratenen Zwiebeln aufgetischt. Begleitet wurden diese mit Mundgeruch verursachenden Zwiebeln angereicherten Erdaepfel von Ruehrei (mit Zwiebeln) und einer Erbsen-Karotten-Pfanne. Zum Runterspuelen reichte man sich Saefte wie Mangodirektsaft. Als wenn das nicht bereits genug des Guten war, befoerderte man anschliessend noch eine ueberdimensionalle Obstsalatschale auf den Teppich. Teppich? – Ach ja, aus Gruenden der Platznot ass man draussen im (oder auf) Hof, was die Stimmung nur noch mehr hob, obgleich man etwas tiefer sass. Nachdem mindestens jeder Deutsche das doppelte seines eigenen Koerpergewichts verzehrt hatte, da er seit Wochen auf kaltem Entzug war, und sich wie eine Made stoehnend und aechzent auf dem Boden wand und immer wieder von sich gab, wie voll er doch sei, kam meine Wenigkeit auf die Idee ein Verdauungsschnaepschen anzubieten. Dankend wurde eine Runde Konyagi (seeeehr guenstiger lokaler Gin) konsumiert, nach welcher sich tatsaechlich die Magenkraempfe loesten. Anschliessend wurde die Feier in mein Zimmer verlagert, wo sie auch endete, nachdem sich irgendwann jeder irgendwo plaziert hatte und versuchte, so viele Stunden Schlaf wie nur moeglich zu sammeln. Doch genau dies ist allwochenendlich und auch unterderwochenendlich eine viel groessere Herausforderung, als man vielleicht annehmen mag. Schlief man in Deutschland bis zu 12 Stunden, nachdem man bis um 5 Uhr morgens auf war, so sind hier erfahrungsgemaess 4,5 Stunden moeglich. Begiebt man sich frueher ins Reich der Traeume, beispielsweise unter der Woche, so ist die Nacht von einer Vielzahl von Schlaf- und Wachphasen gepraegt. Das mag am Bett oder den unterschiedlichsten Geraeuschen liegen, die hier keinen Freiwilligen durchschlafen lassen.
        Auf jeden und alle Faelle verbrachte man dann noch den gemeinsamen Sonntag gemeinsam und spielte Kartenspiele wie Skip-Bo, die sich hier wirklich sehr grosser Beliebtheit auch bei den Einheimischen erfreuen.
    Das naechste erwaehnenswerte Zusammenkommen des Grossteils der Freiwilligen wird in Punkt drei aufgegriffen werden.
Eins noch: in der Zwischenzeit gab es vermehrt Zusammenkuenfte von Anne und Anika und mir (bei mir natuerlich), weshalb es wenigstens fuer Einheimische klar sein koennte: Ja, die Weissen hier scheinen nicht ohne einander zu koennen. Natuerlich ist das nicht wahr, es ist einfach schoen sich zu sehen und Erfahrungen austauschen zu koennen.
P.S. (Annekdote): ein Beispiel fuer den “Buschfunk” hier ist, dass es bereits mehrere Male vorkam, dass Anne auf dem Weg zu mir von einem unbekanntem Personenbefoerderer direkt vor meiner Haustuer abgesetzt wurde, obwohl sie laut ihrer genannten Destination bei den Laeden ein paar Strassen von meinem Haus entfernt abgesetzt werden haette muessen. Man hat also die Nachricht ziemlich schnell verbreitet, dass wenn die Weisse aus Minga nach “Karakana bomba la maji” will, sie vorhat, mich zu besuchen und deshalb einfach genau dort hinfaehrt.



Zu 2) Ich wuerde gerne als Streichholz auf dem Weg zur Erleuchtung dienen, weshalb ich eine kurze Uebersicht ueber das Schulsystem Tansanias gebe. Dieses unterscheidet sich augenscheinlich vom deutschen Schulsystem:
Primary School: 7 Jahre
Ordinary Levels: 4 Jahre
Advanced Level: 2 Jahre
University: haengt vom Studiengang ab (ist aber anders als in Deutschland. Beispiele Architekturstudium: 3 Jahre
So verlassen jedes Jahr frischgebackene Abschluessler, also Siebtklaessler, die „Grund“schule und koennen sich dann entscheiden, weiterhin zur Schule zu gehen oder sich eine schlechtbezahlte Arbeit zu suchen. Zu nennende Beispiele waeren hier bodaboda- oder bajaji-Fahrer oder houseboy/girl. Und: ganz ehrlich, als Hausangestellter ist man hier ein persoenlicher Diener. Man kann also sagen, dass es kein Traumjob ist. Ist man „zu alt“ fuer diesen Job wird man dann meistens Schneider.
Besucht man aber weiterhin die Schule und schafft es irgendwann zu studieren, so hat man schon bessere Chancen und Aussichten.
Auf jeden Fall gibt es anlaesslich des Entlassens der Abgaenger jedes Jahr eine Graduation Ceremony. An sich ist es nicht sonderlich erwaehnenswert, ich wollte euch nur mitteilen, dass es dieses gibt. Die Lehrer und ich haben also gekocht, wie schon zuvor an den Tagen der Examinations. Diese Zeremonie viel spaeter als ausgeschrieben begonnen, hat sich ewig gezogen und war stinkend langweilig. Das Festmahl ganz am Ende, bei dem ich meine Finger mit im Spiel hatte, war aber vorzueglich. Dazu bunte Limonade und nach geradeeinmal 12h in der Schule war ich an diesem Freitag auch schon wieder zu Hause. Gerade rechtzeitig, um den in Punkt 1 erwaehnten weissen Haufen in Empfang zu nehmen...und erst einmal zu duschen.

Eine Momentaufnahme der Graduation



Zu 3) Vor nicht allzu langer Zeit, genauergesagt am Tag der deutschen Einheit, zelebrierte unsereins ein HipHop-Festival – eintaegig aber Eins A! Irrsinnig aber wahr: waehrend des gesamten Festivals (inklusive der Eintrittskarte) habe ich umgerechnet 9,50 Euro ausgegeben!

Eintritt: 2,50 Euro (genau so viel kostet ein Shampoo hier)
Volle Mahlzeit: 1 Euro (Pommes mit Ei und Chilli)
Bier: 6 Euro 

Was ich echt ueberraschend fand war, dass sowohl Essen als auch Bier zum Ladenpreis angeboten wurden! So genoss man also als grosse Gruppe von Deutschen und befreundeten Tansanis lokalen und ueberregionalen HipHop, der sich sehen lassen konnte. Das Festival an sich war wie jedes andere, auf dem ich bisher Leute mit meiner Groesse nervte. Naja, abgesehen von der Sache am Eingang, den „Toiletten“ und davon, dass wir die einzigen 5 Weissen auf dem gesamten Festival waren, sodass ich auch noch Wochen danach im Krankenhaus von ehemaligen Festivalbesuchern wiedererkannt wurde.
Die Sache am Eingang war Folgende: wir trafen ein und trafen auf eine Riesenmenschenschlange vor dem Eingang. Man dachte sich, dass das wohl ewig dauern wuerde und versuchte, sich anzustellen. Doch eh man sich versah, wurde man von den (vermeindlich) Verantwortlichen durch und an der Schlange vorbeigeleitet und durch den Eingang gelotst – vorbei an allen Wartenden. Man war froh nicht Anstehen zu muessen und zugleich entsetzt, was da gerade aufgrund der HAUTFARBE passiert war. Man wurde aufgrund dieses physischen Unterschiedes anders behandelt, was keine Seltenheit ist, aber zu den wenigen Situationen gezaehlt werden kann, in denen es zum eigenen VORteil war. Wort am Rande: wer sich anschaut und sich denkt „meine Hautfarbe gilt wohl als „weiss““ und sich nebenbei gerne mal fuehlen wuerde wie ein Celebrity, der soll doch einfach mal beispielsweise nach Tansania fliegen – hier bekommt man, so auch ich, Aufmerksamkeit, dass es kracht… auch wenn er das gar nicht moechte…


Zu 4) Ich moechte zu diesem Punkt gar nicht sooo viele Worte verlieren, ich fasse lieber zusammen. Ein überschaubares Stueck zurueck in der Vergangenheit finden bei uns gerade die Hochzeitsvorbereitungen statt. Wer heiratet? – Ueberraschend aber wahr: ich nicht.
Nein, der Bruder unserer host mother moechte unter die Haube und so bereitet die gesamte Familie, die aus allen erdenklichen Ecken und Enden angereist ist, irgendetwas vor. So kam es, dass schon Tage vor der geplanten Hochzeit unsere Huette zum Zerbersten mit Hochzeitsvorbereitern gefuellt war. Auf jeden und alle Faelle fand ansonsten VOR der Hochzeit nichts Nennenswertes mehr statt. WAEHREND der Hochzeit jedoch….naja…lag ich mit einer Lebensmittelvergiftung flach und verfluchte jenes Essen, welches mich in die Knie zwang und somit verhinderte, dass ich das koestliche Hochzeitsessen in mich hineinschaufeln konnte. Verflucht seist du! So zelebrierte man also 3 ganze Tage. Ohne mich.
Anmerkend muss ich aber sagen, dass eine Lebensmittelvergiftung von allen Optionen, die aufgrund der Symptome moeglich gewesen waren, die beste war.
Was ich aber zu der Hochzeit beigetragen habe ist folgendes: Janos war live, in 3D und Farbe UND in assistierender Funktion bei der Schlachtung und weiteren Verarbeitung eines Schafes dabei. So wurde also fleissig gehaeutet, getragen und zerteilt, gegrillt und in die Suppe getan, dass es nur so krachte. Entgegen urspruenglicher Vermutungen, war der gante Prozess kein Problem – interessant zu sehen, woher denn das Essen kommt und wie aus Tier Essen wird.

Ich habe gehoert, dass im heimischen Deutschland gerade Wintereinbruch herrscht. Hier meine Antwort:

Meine Antwort auf den Wintereinbruch in Deutschland (feat. einer meiner Gastbrüder)
 

Vermutlich war das hier keiner meiner starken Blogeintraege, aber an diesem hier bin ich schon seit Wochen dran. Heute hat er fertig zu sein und so kann ich mich nur noch dafuer entschuldigen, dass ich den Laptop eines Mitbewohners benutzt habe, der eine amerikanische Tastatur besitzt und somit keine Sonderzeichen vorweist.

In diesem Sinne wuensche in eine schoene restliche Arbeitswoche und lasse Gruesse da.

Euer Janos

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