Mittwoch, 6. Mai 2015

Neues vom Käpt'n

Darf ich kurz stören?

Ich bin’s, János. Genau, der mit dem großen Fuß. Ja, der der durch keinen Türrahmen passt!

Manche haben vielleicht schon bemerkt, dass ich mich in letzter Zeit nicht mehr habe blicken lassen. Entschuldigung dafür, das hat mehrere Gründe. Der Offensichtlichste ist wohl, dass ich gar nicht mehr da bin. Nicht mehr wo bin? Nicht mehr da, da, also bei euch, da in Deutschland, da am schönen Bodensee. Ich bin seit kurzem, also seit einiger Zeit, wo anders. Was? Ich bin umgezogen. Und ich gehe wieder zur Schule.
Bitte sag' was?! – Naja, ich bin jetzt ein Lehrer und, ach ja, ich wohne jetzt in Karakana, das ist ein Stadtteil von…Afrika.
Afrika? – Ach ja, Afrika, das kennt man doch. Hört und sieht man doch immer im Fernseher. Da gibt’s doch arme Kinder und Hungerbäuche. Ich glaub Kleidung und Wasser hat’s dort auch nicht. Kein schöner Platz, da will ich nicht hin, da stinkt’s doch bestimmt auch noch.
Aha. Wäre die Strafe für jedes Vorurteil, für jede Verallgemeinerung und für jede unangebrachte Äußerung eine Liegestütze, dann wäre Dwaine „The Rock“ Johnson bald keine Seltenheit mehr. Leider ist die Berichterstattung im deutschen Fernsehen (und anderen Medien) sehr einseitig. Das mag wohl dem Fakt geschuldet sein, dass diese vielleicht die einschlägigsten Fakten sind über die berichtet wird. Ein abgerundetes Bild entsteht so aber leider nicht. Die Kehrseite der Medaille wird gezeigt und wahrgenommen, jedoch nicht die glänzende Seite, die mit den schönen Verzierungen. Ich habe das gemerkt und möchte dem entgegenwirken. Ich habe die Informationen aus erster Hand und ich fungiere selbst als Reporter und Journalist, wenn ich euch über welches Medium auch immer Informationen und Erklärungen liefere. Wenn ihr mit mir über WhatsApp, Facebook, Skype oder per Telefon in Kontakt seid, wenn ihr meinen Blog lest, wenn ihr mir eine Chance gebt, euch ein realistisches Bild von meinem, deren und unserem Leben hier und über die Landesgrenzen hinaus zu geben, dann geb ich euch 24/7 die Chance zu lernen.
          Leider ist es nicht nur das völlig falsche Bild von Afrika, das die meisten Europäer, Deutschen, meine Landsleute, meine mit zugeteilten Familie und meine handerlesenen Freunde, welches mir zu denken gibt. Nein, auch das Bild der hier lebenden Menschen von den Europäern, den „Weißen“ ist nicht korrekt. Gar nicht. Gerade das Fernsehen und die dort rund um die Uhr ausgestrahlten Filme "made in Tanzania" (Sogenannte „bongo“-movies – von ugs. „bongo“ für Tansania) erwecken den Anschein, als seien alle weiße Frauen im ältesten Gewerbe der Welt tätig. Das liegt daran, dass diese im Fernsehen so präsentiert werden. Das wiederum liegt meiner Meinung vor allem daran, dass der europäische Kleidungsstil tendenziell hin zur erhöhten Freizügigkeit geht, vergleicht man ihn erst einmal mit den Standards in Tansania. Diese sind sehr einfach: Knie werden nicht gezeigt, Schultern genauso wenig, von bauchfreier Bekleidung erst gar nicht zu sprechen. Meine langjährige Erfahrung, was den Kleidungsstil meiner Mitbürger und noch-nicht-Mitbürger und Geduldeten angeht, hat gezeigt, dass oft und gerne die Kleidungs- und Stoffmenge begrenzt wird und man dementsprechend viel Fleisch sieht. Nun ist das aber so, dass das an tansanischen Standards gemessen sehr freizügig ist. Diese Beobachtung plus die Art, wie das Ganze in Szene gesetzt gibt gerade den weißen Frauen (Freiwillige), deren Bekanntschaft ich hier machen durfte (und nach wie vor darf) dieses Gefühl. Warum diese mir mitteilten, dass die hellhäutigen Frauen aus europäischen Ländern wie Professionelle dargestellt werden liegt nahe. Die Damen, die diesen Beruf hier bekleiden kleiden sich in…wenig. Eng, kurz und wenig. Top und Hotpants. Versteht ihr? – Genau wie der deutsche Sommer. Nun ist es so, dass sie fast ausschließlich Damen dieser Berufsgruppe so kleiden, da liegt dieser Gedankengang nahe.
          Des Weiteren erfährt man, wie umgekehrt ja auch, in Tansania sehr wenig von Europa und Deutschland in den Medien. Der Besuch unseres Bundespräsidenten vor einigen Monaten und der germanwing-Absturz sind Beispiele der Berichterstattung. Viele gibt es nicht. So kann ja kein realistisches Bild der Situation entstehen. Dann gibt es noch die Schulbildung. Von meinem Bruder Benard weiß ich, dass sich die Einheit europäische Geschichte im Fach Geschichte hauptsächlich um Deutschland dreht. Wie in Deutschland auch, lernt der Schüler das, was der Lehrkörper im vor den Latz knallt. Fehler inbegriffen. So wurde ich in der Vergangenheit des Öfteren gefragt, ob denn alle Deutsche böse seien (Verweis: Nazizeit), ob Hitler unser Nationalheld sei (diese Äußerung drang zwei Mal nicht als Frage sondern als Aussage an mein Ohr) und ob es da eine Mauer in Deutschland gibt ((seit dem 9. November 1989 nicht mehr) auch dies wurde schon als Aussage formuliert).

Wir haben etwas gemeinsam! – Unwissenheit an beiden Fronten.
Wo bleibt denn dann nur János? – Der muss das erst einmal selbst denken, beobachten, auswerten und in ewig lange und komplizierte Sätze packen. Danach hilft er gerne auf beiden Seiten aus.


Das Chamäleon

Ich lerne täglich. Auch wenn schon lange der Alltag eingekehrt ist und das Wasserholen aus dem Brunnen und das Duschen per Eimerdusche schon längst Routine geworden ist.
Ich im Selbstexperiment, mich wie Brunnenwasser
zu verhalten.

Ich gebe mein Bestes, mich zu integrieren und soweit es geht anzu-passen und zugleich „echt“ zu bleiben. Aber ich habe nun einmal über 20 Jahre meines Lebens auf deutschem Boden verbracht, wurde von den Menschen in Deutschland geprägt, von den wirtschaftlichen, klimatischen, kulturellen, ideellen und traditio-nellen Bedingungen, Werten und Verhaltens-weisen geformt, durch mein Wirken in Deutsch-land und von mir und meinen Bezugsper-sonen zu dem gemacht, was ich bin. Oder war. Ich bin also mit Prägung, Werten und einer Persönlichkeit in dieses Land gereist um meinen Freiwilligendienst zu leben und deshalb gibt es Grenzen. Anpassung bis zu einem gewissen Grad ist wichtig, um sich Türen zu öffnen, um sich das Leben leichter zu machen und um ein realistisches Bild von den Menschen und deren Lebensbedingungen zu machen. Echtheit ist aber auch wichtig und so habe ich herausgefunden, dass ich mich nie vollständig integrieren werde, weil ich 20 Jahre vorgeprägt wurde, eigene Werte und Meinungen entwickelt habe und eine Persönlichkeit besitze, die ich in einem Anpassungs-prozess wahren möchte. Man kann auch seine Persönlichkeit ändern, keine Frage. Ich merke, wie ich mich verändere und bereits verändert habe. Viele Erlebnisse, Gespräche und losgetretene Gedankengänge haben eine Veränderung des János bewirkt. Ich bin sehr froh darüber, denn ich verändere mich in eine meiner Meinung nach gute Richtung. Dennoch gibt es Dinge, vor allem Verhaltensweisen, die ich nach wie vor nicht in mich und mein Verhalten einbauen möchte und es auch nicht tun werde. Ich wurde so erzogen und möchte das auch nicht verändern, auch wenn man danach sagen könnte, ich habe mich angepasst. Egal was passiert, ich werde meine Schüler nicht schlagen. Das ist leider nach wie vor noch alltäglich. Ich bin sehr froh, dass ich in der Vergangenheit einige Menschen, darunter auch Lehrer und ehemalige Lehrer, kennengelernt habe, die auch der Meinung sind, dass das Schlagen von Kindern nicht gut ist und dies auch nicht tun.
          Bevor man nun aber vor lauter Empörung erzürnt in den Schuppen marschiert und sich seine V8-7,5Liter-benzin-betriebene vollautomatische Heckenschere holt um jene Menschen, die Kinder mit körperlicher Gewalt bestrafen, zurechtzustutzen, sollte man sich ins Gedächtnis rufen, dass das vor gar nicht allzu langer Zeit auch in Deutschland noch gang und gäbe war. Mein Großvater musste zusammen mit seinen Mitschülern noch ganz andere Strafen als das Schlagen mit einer Rute ertragen. Wen das interessiert, dem kann ich das „Schulmuseum“ in Friedrichs-hafen gegenüber des Restaurants „Lukullum“ empfehlen (der Besitzer verstarb vor kurzem und die Zukunft des „Lukullum“ ist noch ungewiss). Dort werden die Züchtigungsmaßnahmen ausgestellt und bei Führungen erklärt. 
Ausprobieren ist auch drin.
          Selbst mein Vater wurde damals noch sprichwörtlich an den Ohren langgezogen. Das war dann aber schon nicht mehr gang und gäbe und der ausführende Lehrer wurde sprichwörtlich selbst an den Ohren langgezogen.
          So hoffe ich, dass sich die Art der Disziplinarmaß-nahmen in Tansania und jedem anderen Land dieser Welt, in welchem das körperliche Wohl der Kinder beeinträchtigende Disziplinarmaßnahmen noch gang und gäbe sind, dahin-gehend verändern, dass Kinder ohne Angst zur Schule gehen können, so wie es Schüler in Deutschland heutzutage können. Wer sich unter den Begriffen „behavioristische Lernpsychologie“ und der „klassischen und operanten Konditionierung“ (siehe: Wikipedia „Instrumentelle und operante Konditonierung“ oder mein Pädagogik und Psychologie Ordner) etwas vorstellen kann, der weiß, was passieren sollte, wenn auf eine Verhaltensweise (beispiels-weise Lärmen) immer wieder ein unangenehmer Reiz (meist das Schlagen) folgt. Genau, das Verhalten wird verändert. Verhaltensweisen, die unangenehme Folgen zur Folge haben, werden fallen gelassen. Da ich hier in der Schule jedoch sozusagen an der Quelle sitze kann ich sagen, dass eine Konditionierung der Schüler, der Kinder nicht funktio-niert, denn diese verspäten sich immer noch zum Morgen-appell, lärmen weiterhin und vergessen ihre Hausarbeiten. Dieser beobachtbare Gedankengang (also nicht die elektrischen Reize, die durch meinen Denkapparat sausen, sondern der nicht nur von mir beobachtbare Fakt, dass dieser Art von Züchtigungsmaßnahme eben kein einschlägiger Erfolg eingeräumt werden kann) ist meiner Meinung nach dabei sich zu verbreiten wie die Grippe. Oder Bettwanzen, die gerade wie eine Seuche umgehen. Nur leider sehr viel langsamer.

Eines meiner Hauptziele während meiner Vorbereitungszeit war die Anpassung. Andere Ziele waren es die Haare eines Schwarzen anzufassen, die sollen sich ja total komisch anfühlen. Ach ja, eine Giraffe wollt ich auch sehen. Und Brunnen bauen. Du weißt schon, damit die Kinder was zu Trinken haben.
          Vermutlich habe ich spätestens jetzt eure Aufmerk-samkeit. Ich bin mir bewusst, dass die vorangegangen Zeilen ziemlich überspitzt sind und in die Kategorie „das geht ja gar nich‘, ey!“ gehören, aber ich habe ein Ziel.
Viele Menschen, die nach Afrika kommen packen Sonnencreme und ein Hut ein. Und jede Menge Geld. Touristen. Okay, bei Touristen ist das Ziel klar. Aber Touristen sind auch Menschen. Menschen wie du und ich. Manche Menschen sind Touristen und manche Freiwillige. Touristen haben leider die Wahl, was sie tun, denn sie tun häufig das Falsche. Nämlich ihr Touristending durchzu-ziehen, auf Facebook ein Bild von ihnen zusammen mit einem Elefanten einzustellen und mit 32GB Bildern nach Hause zurückzukehren und sehr einseitig zu berichten. Denn: diese Menschen nehmen sehr einseitig wahr, denn die Dinge, die sie tun sind sehr einseitig. Sie reisen von Sansibar in den Nationalpark und vom Nationalpark zum Ngorongoro-Krater. Sie bezahlen sehr viel Geld um die schönen und eindrucksvollen Orte und Gebilde zu sehen. Diese Dinge machen aber den kleinsten Teil der Realität im Land aus. Wirklich wichtige Aspekte bleiben unentdeckt.
           Manche Menschen sind Freiwillige. Freiwillige haben eine Aufgabe; und zwar erst einmal ihr eigenen Vorstellung-en, ihr vermeintliches Wissen und ihre Ansichten der Realität anzupassen, also erst einmal sehr viel an sich selbst arbeiten und anschließend anderen Menschen die Chance zu geben, zu lernen.

János ist so ein freiwilliger Mensch – wie praktisch! Und er ist in Afrika – toll.

Einen Moment bitte. Ich bin nicht gerne der Spielverderber, aber das ist kein Spiel und mir ist es zu derb. Was für manch einen eine Überraschung ist, ist für andere Realität: Afrika ist gar kein Land. Afrika ist ein Kontinent #bittesagwas?!
Afrika ist einer von sieben Kontinenten. Europa ist ein anderer. Asien, Australien, Südamerika, Nordamerika, die Antarktika sind wieder andere.
          Ja, ich bin in Afrika. Die Meisten von euch sind in Europa. Aber die allermeisten von euch sind in Deutschland. Wenn ich also mit den allermeisten von euch kommuniziere so erfrage ich schon mal das deutsche Wetter (was ja immer noch sehr unaussagekräftig ist, da es regionale Unterschiede gibt, ja sogar Unterschiede von Stadt(teil) zu Stadt(teil)). Komischerweise wird von eurer Seite sehr selten die korrekte Landesbezeichnung in den Mund genommen. Stattdessen hört man Kommunikationsanteile weit entfernter und doch vertrauter Menschen wie: „Grüß Afrika“ oder „wie geht es dir in Afrika“ oder es wird gefragt, wie denn das Wetter in Afrika sei. Auch wenn ich sehr oft in den Wolken schwebe - ich bin kein Wettersatellit.
          Leute, Augen und Ohren auf! Afrika beherbergt 54 Länder, meine zweite Heimat nennt sich Tansania und ist eines davon. Tansania wiederum liegt im Osten Afrikas und ist somit Teil der ostafrikanischen Länder. Bitte, wenn ihr mit mir sprecht und schreibt benutzt den Ländernamen und nicht den des Kontinents. Wenn ihr es euch so richtig geben wollt habe ich euch eine kleine Auswahl vorbereitet:

  1. Tansania
  2. Singida (Region)
  3. Singida (Stadt)
  4. Karakana (Stadtteil)
Übrigens: Tansania als Zusammenschluss von Tanganjika und Sansibar (Inseln Pemba und Unguja) im Jahre 1964 hat dieses Jahr seinen 51sten Geburtstag. Herzlichen Glück-wunsch. Der Name „Tansania“ ist im Übrigen eine Kombina-tion aus Tanganjika, Sansibar, sowie der Bezeichnung Azania (Tan-sa-nia). „Azania“ wurde zur Zeit des Römischen Reiches als Bezeichnung für die ostafrikanische Küste ver-wendet. „Tanganjika“ ist die Bezeichnung des Festland-gebietes mit der Insel Mafia, welches 1961 Unabhängigkeit von der Mandatsmacht Großbritannien erlangte und sich drei Jahre später mit Sansibar zu Tansania verband.

Das ist gut. Man kann auch mal ein paar hard facts einbauen. In Tansania leben übrigens rund 41 Millionen Menschen, die 128 verschiedene Sprachen sprechen. Kiswahili ist eine davon. 


Alles klar, János. Aber läufst du jetzt auch nur mit Lendenschurz durch die Gegend?


In meinen 8 Monaten hier habe ich noch keinen einzigen Menschen nur mit Lendenschurz bekleidet gesehen. Was ich tatsächlich jeden Tag sehe ist wohl das exakte Gegenteil: gut gekleidete Menschen wohin man auch schaut. Auch wenn viele Menschen hier nicht viel Geld verdienen und besitzen so wird darauf Wert gelegt, nach außen hin einen gepflegten Eindruck zu machen. Allgemein lässt sich sagen, dass sich der Großteil der erwachsenen Männer mit Anzügen kleidet oder zumindest eine Anzugshose mit einem Hemd kombi-niert. Der Kleidungsstil der Damenwelt ist geprägt von bunten, schillernden, vom Schneider handgefertigten, Kleidern. Selbst die Mädchen besitzen schon handgefertigte Kleider. Was die Jugend Tansanias angeht so konnte ich beobachten, dass sich die „westliche Kleidungsweise(n)“ durchaus auch in Tansania großer Beliebtheit erfreuen. 
Sonderlich modebewusst war ich schon in Deutschland nicht. In Tansania bin ich es…auch nicht. Aber ich bin wirklich der Größte. Yes!
Nun ist es so, dass diese westliche Kleidung nicht in Tansania hergestellt wird und in Tansania auch keinen wirklichen Absatzmarkt findet , so wie wir ihn kennen. Damit meine ich Läden wie H&M, New Yorker, K1X, Hollister, uvm.
Solche riesigen Bekleidungsgeschäfte, die es in großer Zahl über das gesamte Land verteilt in beispielsweise Deutsch-land gibt, gibt es Tansania in den Großstädten. Dort, wo ich lebe, gibt es diese Realität nicht. Es hat Bekleidungsgeschäf-te, aber der Großteil der Realität hier ist, dass der kleinste Teil der zum Verkauf stehenden Kleidung fein säuberlich in Läden präsentiert wird. Der größte Teil hin-gegen findet sich in Wühlbergen und second-hand-areas. Nun ist es so, dass die Kleidung, die beispielsweise in Deutschland in Spenden-container geworfen wird, teilweise ihren Weg nach Tansania findet. Dort wird die Kleidung aber nicht kostenlos unter dem Volk verteilt. Das denken wohl die Meisten. Für einen guten Zweck Kleidung spenden, die man selbst nicht mehr benötigt, damit woanders Menschen etwas zum Anziehen haben. Das ist aber nicht so einfach. Wie sollte den dieses System funktionieren? Wer würde entscheiden, welche Region, welche Bevölkerungsgruppe, welches Individuum welches Kleidungsstück erhält?
          Das dieses System utopisch ist habe ich mir mal Gedanken darüber gemacht. Ohne die exakten Prozesse zwischen dem Einwerfen der Kleidung in den Container und dem Eintreffen in Tansania zu kennen kann ich beobachten, dass es viele Bereiche gibt, in denen sich second-hand-Händler niedergelassen haben. Kleidung kommt aus Amerika, Europa und aus Afrika selbst! Benard hat mir eben erzählt, dass man hier Kleidung aus beispielsweise Burundi, Sambia oder dem Kongo erwerben kann. Eine Art Recycling. Diese Anziehsachen werden auf dem Land-, Wasser-, vielleicht auch Schienen- und Luftweg beispiels-weise nach Tansania befördert und kommen zum Großteil wahrscheinlich in Dar-es-Salaam an (Küstenmetropole Tansanias) an. Von dort aus werden die Kleidersäcke sogar in die entlegensten Dörfer transportiert. Nun kann man sich dann irgendwo so einen Kleidersack kaufen und die darin enthaltenen Ware selber für günstiges Geld weiterverkaufen. Ohne die genauen Prozesse zu kennen kann ich sagen, dass durch diese Prozesse Menschen eine Arbeit finden und etwas verdienen und wieder andere Menschen für günstiges Geld durchaus gute Kleidung finden können. Kritische Stimmen meinen es sei Fakt, dass dadurch die lokale Schneiderindustrie Einbußen erleide, da die Menschen lieber „fertige“ Kleidung kauften anstatt sich Kleidungsstücke schneidern zu lassen. Schneider hat es hier wie Sand am Meer, oder Schüler in den fünften Klassen der Grundschule Minga. Schneiderinnen hingegen gibt es prozentual wenig, die Schneidertätigkeit ist also ein ziemlich männlicher Broterwerb. Meiner Meinung nach gibt es aber nach wie vor Menschen, die die lokalen Schneidereien nutzen, grade die Damenwelt mit ihren kreativen Kleidern. Ich persönlich habe diese Möglichkeit, mit Kleidung auf den Leib schneidern zu lassen, bisher kaum genutzt. Da ich aber bereits einige Stoffe besitze, die ich bereits eingemottet habe (Achtung: Ironie), könnte ich bei Gelegenheit mal zum Schneider meines Vertrauens gehen. Ich habe gar keinen...
          Ich meine dieses System, so wie es ist, ist nicht als grundlegend falsch zu betrachten, denn es gibt Menschen Arbeit, anderen die Möglichkeit, günstig Kleidung einzukaufen und es scheint die Antwort auf die Frage zu sein „wer bekommt was und wie viel?“ – Jeder, mit dem nötigen Kleingeld kann die Kleidung an „Verkaufsstellen“ (oftmals ein Wühlberg im Hof eines Familienhauses) erwerben, die der jeweilige Verkäufer wie-auch-immer irgendwo herbekommen hat. Jedoch gibt es trotzdem Tansanis, die es sich nicht leisten können, diese Kleidung zu erwerben. Dahingehend ist dieses System nicht richtig, denn die Ärmsten bekommen so kein Stück vom gespendeten Kuchen…

Für weitere Informationen zu diesem Thema empfehle ich einen Auszug aus dem neuesten Blogeintrag von der Anne:
anneinsingida.blogspot.com


Nicht meine Geduld sondern der Blogeintrag neigt sich dem Ende zu. Themen sind noch genug zur Auswahl, aber mit bald 3.000 Worten und ca. 30 Bildern ist dieser Auszug aus meinem Hirn schon weit genug. Ich arbeite bereits an einem weiteren Projekt. Gedanklich.
Bevor ich euch nun aber wieder eurem Schicksal überlasse schiebe ich noch ein paar persönliche Geschichten ein.




1) Was meine Oma so alles macht.


"Heaven is the limit" - mein Bro und
 ich mit meiner geschneiderten Zebrashorts


In meinen letzten Ferien war ich außer Haus. Ich zusammen mit meinem Bruder und Pascal, einem guten gemeinsamen Freund. Oma hat’s möglich gemacht. Vielen Dank Oma, das waren unvergessliche Tage! Wir sind in die Kilimanjaro-Region nach Moshi gereist (eine große Stadt, welche übersetzt so viel wie „Staub“ bedeutet – oh, wie treffend.) Genauer nach kirua mvunsho (die korrekte Schreibweise, falls sie das nicht ist, ist mir bis heute ein Rätsel), einem sehr abgelegenen Dorf auf
dem Hang eines Berges. Sehr grün, sehr schön. Um von der letzten Teerstraße am Fuße des Berges ins Dorf zu kommen muss man für ca. 15-20 Minuten ein Motorradtaxi in Anspruch nehmen. Umgekehrt geht es logischerweise schneller und kostet auch weniger, da die Motorradtaxifahrer fast den gesamten Rückweg im neutralen Gang fahren können und somit kaum Sprit verbrauchen. Oben angekommen wandert man noch einmal über 10 Minuten den Berg hoch um das Haus meines Gastvaters zu erreichen, in welchem seine Schwester haust. Dort ist meistens auch der Gunter anzu-treffen. Der Gunter ist ein Freiwilliger in diesem Dorf und er lebt dort zusammen mit seiner Gastmama, die gleichzeitig die Schwester meines Gastvaters Rich ist, dem Haus-mädchen und einem Kind. Alles sehr nette Menschen und man möchte am liebsten gar nicht mehr gehen. Denn abgesehen von dem Fakt, dass dort alles sehr schnell dreckig wird und man kiloweise Matsch unter den Schuhen hat, wenn sich die Wolken wieder mal ausgequetscht haben (Regenzeit), sind die dort anzutreffenden Menschen meiner Erfahrung nach sehr angenehm und der Ausblick ganz oben ist der Wahnsinn. Die meiste Zeit unserer Zeit verbrachten wir drei also das Leben in vollen Zügen genießend auf Gipfel des Berges, das Tal mit weiteren Bergen zu Füßen und den Kilimanjaro zur Rechten. Der höchste Berg Afrikas und gleichzeitig der höchste Berg der Welt, der nur durch sich selbst steht, zeigt sich einem dort bei guter Wetterlage.


Dieses unglaubliche schöne Panorama erregt doch die Sehnerven














2) Benard hat eine Familie







Um das zu prüfen reiste ich am vorletzten Wochenende „[…] mit meinem Bruder zusammen im Tourbus durchs Land“ (Samy Deluxe). Unser Ziel war Mwanga, ein Dorf in 80km Entfernung, für die man aber mit dem Bus, so wie er fährt, zwischen 3,5 und 4,5 Stunden einplanen kann. Nachdem wir tatsächlich dort ankamen wurden wir von dem Michael begrüßt. Der Michael ist auch ein Freiwilliger wie der Gunter, allerdings ein anderer. Und er treibt sein Unwesen in Mwanga, nicht auf dem Berg. Nachdem wir das halbe Dorf begrüßt hatten, da Benard dort lange Zeit gelebt hat und man in Dörfern ja bekanntermaßen viele Dorfbewohner kennt, ging’s zu Benard nach Hause. Bevor wir aber schon wieder loszogen, um den unglaublichen Nachthimmel zu beäugen, lernte ich Benards super Familie kennen. MAN KANN DIE MILCHSTRAßE SEHEN! #ohmyg*d
Benard, der kleine Nico, ohne den wir den
Weg vlt gar nicht gefunden hätten und
 ich hinter der Kamera.
Des Weiteren: meterhohe Killerpflanzen
Auch dort verbrachten wir die meiste Zeit draußen, am Fluss, durch die Gegend tigernd und wandernd auf der Suche nach Benards Oma. Ich meine, Mwanga ist ja an sich schon abgelegen, aber Benards Oma ist noch abgelegener. Ein ungefähr halbstündiger Fußmarsch durch die Wildnis, während dem ich zirka ein Haus eräugen konnte, endete dann an den Toren des Hauses von Benards Oma. Benards Oma ist wirklich besonders alt. Aktuelle Studien, die Benard selbst angestellt hat, haben ergeben, dass Benards Oma über 100 Jahre alt sein muss! #duhastdichwohlverschrieben

Die Kraft des Regens. Und Nico.
Das Maislager. Darin enthalten: Mais - die Hauptnahrungsquelle dort.
Das ist für deutsche 
Verhältnisse schon unglaublich alt. Für tansanische Lebens-erwartungen ist das noch viel unglaublich älter. Diese gute Frau, die so weit weg von allem lebt war NIE in ihrem sehr geschichts-reichen Leben im Krankenhaus war, weil sie sich selbst zu helfen weiß. 
Vielleicht ist das manchmal die bessere Entschei-dung nicht ins Krankenhaus zu gehen. Oder immer.
 Benards Oma spricht kein Swahili, nur ihre Stammes-
sprache Kiiraq. Mir machte das die saubere Verständigung unmöglich und gleichzeitig klar, dass man eine völkereinigen-
So läuft das dann. Maiskolben zum 
Rösten, Maiskerne zur Weiter-
verarbeitung.

de Sprache so fern-ab von allem schlicht und einfach nicht braucht. Solange man mit Menschen desselben Stammes zusammenlebt, was Benards Oma tut. Sie ist sogar die Clanführerin 



Kiswahili ist die Verständigungssprache im ostafrikanischen Raum, die den verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit ihren vielen unterschiedlichen Sprachen (128 allein in Tansania) die Chance gibt, sich zu verständigen.

Alles in allem ein sehr wichtiger, interessanter, aufschlussreicher und ausgenutzter Wochenendtrip während welchem ich Franco kennenlernte. Franco ist ein Spitzensänger, der leider in Mwanga keinerlei Chancen hat sein Talent an den Mann zu bringen. Zusammen mit Franco reimten und sangen wir nächteland alles was sich reimen und singen lässt!


Eine von den Bewohnern handgefertigte Brücke, die bei Wasser im Fluss noch mehr Sinn macht.


3) Erster-Mai-Wanderung durch Tansania wie in Deutschland. Nur anders.

Da dieser Eintrag schon wieder echt viel zu lang ist nur das Wichtigste:
János dachte sich wohl: „Warum nicht mal wie in 


Unser Partyvan. Dekoriert für 2h Einsatz.
Deutschland?“
Gedacht, getan. Am ersten Mai, dem Tag der Arbeit, der 
auch hier ein Feiertag ist, zog ich mit meinen Leuten los, nachdem wir Lehrer der Ipembe Grundschule zusammen mit unserer kleinen Schülerband und den ganzen anderen Berufsgruppen dieser Gegend einen Festmarsch veranstaltet hatten („mei mosi“ = Tag der Arbeit).
Benard und ich hatten im Vorfeld alles organisiert, sodass wir unseren ersten Mai in unserer „Höhle“ auf und in den Felsen genießen konnten. Wir kochten zusammen auf dem Kohlegrill, machten uns danach Steaks (4kg Fleisch zu acht) und tranken auf das Leben. Ich brachte meine beiden x-mini Boxen mit und dank der Höhle wurden die Schall-wellen reflektiert und wir konnten eine Party feiern. Klingt alles wahrscheinlich lange nicht so gut, wie es in Wahrheit war. Aber stellt euch vor: Freunde + super Essen + ein Bierchen + BBQ + laute Mucke (jeder deiner Freunde hat denselben Musikgeschmack) + Freestyles + die nach wie vor atemberaubendenFelsen! 
#dasklingtwohldochbesseralsgedacht

Falls euch das nicht umhaut: bei den meisten von euch hat’s geregnet, hier nicht.





Jetzt hab ich ja gar nichts über die Arbeit und mein Faustballprojekt an der Schule und von meinen Schülern verlauten lassen. *mentaler Vermerk für den nächsten Eintrag*

So, das war’s von mir, ich leg das Laptop weg, wenn ich schon nicht den Löffel abgeb, da Benard superleckeres Essen auf den Tisch gezaubert hat.
Kritik und/oder Lob erwünscht.

Adios amigos und peace.



Anhang: meine kleine Bildershow für euch - zurücklehnen und genießen!


Mount Kilimanjaro aus dem Busfenster abgelichtet. Es ging von Moshi retour nach Singida.


Der höchste Felsen weit und breit. Erklommen vom höchsten Menschen weit und breit.

Ein Tabuthema anschaulich aufbereitet für's Auge - Das Kondomauto. Meiner Meinung nach eine gute Sache. Aufklärung und die Möglichkeit zum Schutz - direkt in der Schule. Leider gab es keinen Vortrag o.Ä. - gekauft hat auch niemand was...


Ein schicker Schnappschuss in Mwanga.
Wir haben einen Beamer in der Schule! Den hatte ich zur Reparatur daheim. Nicht nur zur Reparatur...


Pascal und Benard (und ich, jedoch unsichtbar) vor der Höhle während eines traumhaften Sonnenunterganges.


"Der Wassertank" - Kein Romantitel, sondern einer unserer Stammplätze.

Unsere neueste Entdeckung. Das Hinterland. Wow.

Unser letzter Sundaytrip am Lake Singidani. Sonnenuntergang deluxe - wie ein Gemälde.

Die Lehrer kochten für die Lehrer als eine ehemalige Lehrerin im Lehrerzimmer uns Lehrern einen Besuch abstattete. "Gute" Kreide, die zwar leicht zerbricht, aber super schreibt, wird aus normaler Kreide hergestellt, die in der heißen Asche vergraben wird.


1 Kommentar:

  1. Das mit dem Grill auf dem Felsen balanciert zeugt von #GrillSkills, zimlich nice dass ihr 4kg gegrillt habt.
    Hast dir also doch was schneidern lassen. Oder bist du selber unter die Schneider gegangen :D
    Mein persönlicher Favorit ist ja das Kondomauto in pink, kaum zu übersehen aber nicht sofort als Kondomauto zu erkennen ;) (mM. nach)
    Und was ist eigentlich hier fur eine #hashtagparty am start?

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